Heute vor 20 Jahren: Das Wunder von St. Pauli
- 26.05.2020

Heute vor 20 Jahren: Das Wunder von St. Pauli


Gerettet! Matchwinner Marcus Marin umarmt Carsten Wehlmann. (Foto: Witters)

Es war eine Rettung in allerletzter Sekunde. Am Ende einer verkorksten Saison kam es mal wieder zum Herzschlagfinale. Punktgleich mit den Stuttgarter Kickers stand der FC St. Pauli auf dem 14. Tabellenplatz, dem ersten Nicht-Abstiegsplatz. Lediglich das um einen Treffer bessere Torverhältnis hielt die Kiezkicker noch in der 2. Liga. Ein Sieg gegen Rot-Weiß Oberhausen war also Pflicht, denn die Kickers gastierten beim Schlusslicht aus Karlsruhe.

Am 26. Mai 2000 steigt das große Abstiegsfinale am Millerntor. Im Fernduell mit den Stuttgarter Kickers braucht St. Pauli einen Sieg. Die Stimmung auf den Rängen ist angespannt. Die Hells Bells läuteten bedrohlich durch das Stadion. Eine Niederlage und St. Pauli tritt tatsächlich den Weg in die sportliche Hölle an. Während die Fans richtig Gas geben, wirkt die Mannschaft von Dietmar Dehmuth wie gelähmt. Nichts gelingt und nach 23. Minuten liegt der Ball im Netz. Offenbachs Daniel Ciuca dreht zum Jubeln ab – 0:1. Der Abgrund kommt immer näher.

Wütend rennen die Kiezkicker gegen den drohenden Absturz an, doch der nächste Tiefschlag folgt nur kurz später. Während Marcus Marin im Millerntor nur die Latte trifft und somit den Ausgleich verpasst, zappelt der Ball im gut 500 Kilometer entfernten Karlsruhe im Netz. Die Kicker führen und St. Pauli braucht zwei Treffer. Doch das gestaltet sich schwierig. Der Ball will nicht über die Linie. Krampfhaft stemmt sich ein gesamtes Stadion gegen den Abstieg, doch viel will nicht gelingen. Mit dem Rückstand geht es in die Pause.

Die erste gute Nachricht des Nachmittags ist, dass der KSC nach einer Stunde zum Ausgleich kommt. St. Pauli braucht nur noch ein Tor. Immer wieder stürmen die in weiß gekleideten Gastgeber nach vorne, doch der Ball will nicht gehorchen. Erst kratzt Cuica den Schuss von Ivan Klasnic noch von der Linie und dann scheitert der Kroate am Aluminium. Immer verzweifelter werden die Angriffe. Nichts hält die Kiezkicker mehr in der eigenen Hälfte. Es ist bereits die letzte Minute angebrochen, da schlägt Stephan Hanke einen Ball von kurz hinter der Mittellinie in den Strafraum der Gäste.

Die können den Ball nicht klären, der schließlich bei Ivan Klasnic landet. Der junge Stürmer hebt den Ball über seinen Gegenspieler hinweg und hält aus spitzem Winkel drauf. Das Leder zischt am Tor vorbei, doch am zweiten Pfosten kommt Oldie Marcus Marin angerauscht und drück den Ball über die Linie. Dann ist Schluss. In voller Ungewissheit sinken die Spieler zu Boden, doch dann wird das Ergebnis aus Karlsruhe verkündet. Auch die Kickers spielen nur unentschieden und so bleibt der FC St. Pauli in der Liga.


„Ich hab’ gesehen, dass meine Spieler rumgehüpft sind. Ich wusste zwar nichts, aber ich dachte mir, da muss was sein, also bin ich mitgehüpft“, verkündet ein erleichterter Dietmar Dehmut, der nach Abpfiff noch lange Arm in Arm mit Torschütze Marin auf dem Platz stand. „Wir wissen, wem wir das Wunder zu verdanken haben: Marcus und Karlsruhe.“ Ersterer hat einen bescheiden Wunsch als Gegenleistung für die Rettung: „Die sollen mir kein Denkmal bauen, sondern einen neuen Vertrag geben. Nach diesem Tor habe ich es verdient.“ Doch dazu kommt es nicht, der Vertrag des Torjägers wird nicht verlängert, Marin wechselt ablösefrei in die Regionalliga zu Fortuna Düsseldorf. (mab)

Aufstellung FC St. Pauli: Carsten Wehlmann – Christian Rahn (46. Henning Bürger), Holger Stanislawski, André Trulsen – Thomas Puschmann, Fabian Gerber (46. Markus Lotter), Stephan Hanke, Andriy Polunin, Holger Wehlage (67. Zlatan Bajramovic) – Ivan Klasnic, Marcus Marin